Es ist spät. Es ist dunkel. Es ist kalt. Ich habe einen stressigen Arbeitstag, der nur mühsam vorübergehen wollte, hinter mir und bin müde. Ich stapfe im Schnee durch die menschenleeren Strassen.
Endlich zuhause angelangt, klimme ich langsam die Stufen im Treppenhaus empor und trete dann in die Wohnung ein. Niemand ist da. Ich zünde alle Lichter an, aber auch im hellen trauten Heim will die Kälte, welche sich an meinem Körper festklammert, nicht vergehen. Erschöpft lasse ich mich bald einmal vor dem Fernseher nieder.
In Osteuropa sind in diesen Tagen bereits hunderte von Menschen auf den Strassen und in ihren Häusern erfroren, während in Südostasien schwere Stürme ganze Siedlungen abdecken. Die Tagesschau berichtet wieder einmal über das Leid auf der Welt, aber diese Meldungen sind, nach einem harzigem Arbeitstag wie diesem, nicht die richtigen für mich. Doch auch das öffentliche deutsche Fernsehen berichtet nur über die von dem UNHCR angeprangerten, schlechten hygienischen Zuständen in Afrika. Kein Wunder dass sich AIDS weiterhin rasant ausbreitet und neue Fälle von Ebola aufgetreten sind. Auch bei diesem Programm verweile ich nicht lange und schalte weiter und stoppe erst bei einem privaten Sender auf dem soeben eine Bombe in ein Haus einschlägt und explodiert. ‚Afghanistan‘, denke ich und hatte recht: Oben rechts steht als Information ‚Krieg dem Terror‘ geschrieben und bestätigt meine Vermutung. Der Sprecher begründete, dass mit der anhaltenden Bombardierung das Elend des immer grösser werdenden Flüchtlingstroms weiterhin zunimmt. Nach diesem Kommentar schalte ich den Fernseher ab. Kein leichtes Abendprogramm läuft zur Zeit und ich mache mich bereit, um ins wohlverdiente Bett zu gehen. ‚Wer müde ist, soll schlafen gehen‘, sage ich zu mir. Nur ein paar Minuten später wickle ich mich genüsslich in die Bettdecke ein und geniesse die entstandene Wärme der Geborgenheit. Es dauert dann auch nicht lange, bis ich einschlafe.
Es ist kalt, eisig kalt. Und meine Glieder schmerzen. Ohne die Augen aufzuschlagen, denke ich, die Heizung könnte kaputt sein.,Oder ist eine Fensterscheibe zerbrochen?‘ Noch im Halbschlaf beschliesse ich, mich der Sache sofort anzunehmen. Aber als ich dann die Augen aufmache, traue ich ihnen nicht. Ich finde mich in einem unbekannten Raume wieder. Von einer Sekunde auf die andere bin ich hellwach und wundere mich über die Szene. Die Wände sind heruntergekommen, es stehen nur ein paar wenige alte Möbel darin und mein Bett besteht lediglich aus einer halb zerfallenen Matratze. Zugedeckt bin ich nur mit einem durchlöcherten, verfärbten Lacken.
Ich beschliesse, mich gleich in den anderen Räumen umzusehen. Aber ausser diesem kleinen, kühlen Raum, gibt es noch eine noch kleinere Küche und ein separate Kammer für die Toilette. Die Küche ist zwar aufgeräumt, aber trotzdem ist sie weder blank, noch blitzt sie. Ich habe immer noch keine Ahnung, wo ich bin oder was geschehen ist und versuche mich zu erinnern. Aber so sehr ich auch versuche nachzuvollziehen, wie ich hierher gekommen bin, finde ich einfach keine Erklärung.
Viel Zeit habe ich auch nicht. Schon kurz nachdem ich begonnen habe, sachlich über alles nachzudenken, höre ich Polizeisirenen von draussen und gehe zum Fenster. Ein Polizeifahrzeug hat im Innenhof, vier Stockwerke unter mir gestoppt und drei uniformierte Männer springen ohne die Türen zu schliessen aus dem Wagen in Richtung Hauseingang. Diesen passieren sie ohne zu stoppen durch die Öffnung, wo einst einmal eine Türe stehen musste und verschwinden aus meinem Blickfeld. Doch das ganze Szenario geht fliessend in den Lärm über, den die heraufeilenden im Treppenhaus verursachen und instinktiv gehe ich zur Wohnungstüre. Zur gleichen Zeit, wie ich diese erreiche und durchs Guckloch spähe, stürmen die Polizisten die Türe vis-à-vis auf mein Stockwerk. Sie wird – soweit ich das durch den kleinen Späher erkennen kann - problemlos mit einem nicht allzu starken Fusstritt aus den Angeln geschlagen und im gleichen Tempo dringen die drei in die Wohnung ein. Neugier, die eingeschränkte Sicht durch das Guckloch und die ganze seltsame Situation lassen mich etwas verduzt die Türe öffnen und unvorsichtig und etwas unsicher, wie in Trance, aus der Wohnung in das Treppenhaus treten.
Doch bereits mit einem Schritt im Treppenhaus, bemerke ich meine Dummheit und versuche schnell umzukehren. Doch es ist zu spät. Zwei der Polizisten zerren eine Frau aus der Wohnung und bleiben bei meinem Anblick stehen. Der dritte wirft mir in einem harten Ton eine Frage an den Kopf, die ich nicht verstehe und ich schaue ihn mit einem dementsprechenden Blick an. Der Mann doppelt seine Frage mit einem Wort nach und ich zucke nur mit den Achseln, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich nicht weiss, was ich antworten soll. Leider begnügt er sich nicht mit dieser Reaktion und tritt ganz nahe an mich heran und stellt sich bedrohlich, breitbeinig vor mich hin und schreit mir irgend etwas ins Gesicht. Aber auch darauf weiss ich nicht was zu antworten und der Polizist fängt an mich mit seiner Hand zu schupsen und zu stossen. Und plötzlich spüre ich einen zerrenden Schmerz in der Magengegend. Ein Knie grub sich in meinen Bauch und ich musste mich krümmen, um dem Schmerz nachzugeben. Tränen rollen aus meinen Augen. Weiterhin prasseln die aggressiven Worte auf mich und irgendwie beginnt alles vor mir zu verschwimmen. In meinem Kopf dreht es sich, ich habe das Gefühl, ich muss mich gleich übergeben und das Stimmengewirr rückt in den Hintergrund. ‚Das muss ein Traum sein.‘, denke ich mir. ‚Ein Albtraum‘, verbessere ich mich selber und füge dann noch hinzu: ‚Wach auf! Wach auf! Bitte! Bitte wach auf!‘ Aber nichts von dem was ich will passiert. Dafür werde ich wieder näher ans geschehen gezogen. Jemand hat mich an den Haaren gepackt und zwingt mich so die Treppe hinunter.
Die vier Stockwerke kommen mir wie zehn vor. Vielleicht lag es daran, dass ich Mühe hatte, das vorgegebene Tempo auf den halb verfallen Treppenstufen mitzuhalten. In düsterem Licht, unter Schmerzen und mit einer von Tränen verwässerten Sicht, musste ich mich davor in Acht nehmen, nicht in die fussgrossen Löcher zu stehen oder auf zerbröckelnden Stufe auszurutschen.
Endlich unten angelangt, geht es ganz schnell zum Wagen. Kurz davor rutsche ich auf einem der auf dem Platz herumliegenden kleineren und grösseren Steinen aus und falle hin. Genau auf den Hüftknochen. Mit dem Sturz hat der Zug an meinen Haaren schlagartig wieder zugenommen. Ich versuche mich langsam wieder aufzurichten und da wirft mich ein heftiger Tritt seitlich an den Brustkorb wieder auf den Boden. Krampfhaft versuche ich nach Luft zu schnappen, doch vor meinen Augen wird mir schwarz.
Langsam komme ich wieder zu Bewusstsein. Alle meine Glieder schmerzen. Ich sitze auf einem kalten, harten, flachen Gegenstand. Mein Hintern scheint eingefroren zu sein. Mein ganzer Körper friert. Ich lehne unbequem an irgendwelchen ebenso kalten Metallstäben an. Langsam mache ich die Augen auf und finde mich in einer kleinen Zelle wieder. Es stinkt. ‚Wen wundert’s?‘ So sitze ich in diesem kleinen Raum mit diversen anderen Personen eng zusammen. Man bemerkt, dass ich wieder bei Bewusstsein bin und ich werde misstrauisch von vielen Blicken bemustert. Von verschiedenen Orten höre ich starkes Husten. Man sieht offene Wunden, blau und schwarz gefärbte Körperstellen und viel Schmutz vermischt mit Blut und Schleim. Ich ekle mich vor diesem Anblick und empfinde eine grenzenlose Hilflosigkeit. ‚Warum hört das nicht alles auf? Wie kann ich das stoppen?‘ Aber nichts passiert. Ich bin hier und muss mich mit der Situation abfinden. Ich erwidere die immer noch auf mir haftenden Blicke. Nur eine Person bemustert mich nicht. Sie liegt reglos und zusammengekauert auf einer Pritsche in der Zelle. Instinktiv stehe ich auf und gehe zu diesem Menschen hin. Meine Bewegungen sind ganz langsam, um meine Schmerzen in Grenzen zu halten und drehe ihn ganz sanft um bis plötzlich der ganze Körper schlaff zurückfällt und ich mit starren, toten Augen angestarrt werde. Der Blick fährt mir durch Mark und Bein und ich empfinde meine Situation als hoffnungsloser als je zuvor. Ohne von dem toten Blick zu lassen, sinke ich kraftlos zusammen.
Kalter Schweiss an meinem Kopf lässt mich aufwachen. Überhaupt habe ich das ganze Kissen nassgeschwitzt und durch das offen gelassene Fenster ist in der eisigen Kälte alles stark abgekühlt worden. Doch erleichtert werde ich gewahr, dass ich mein geliebtes altes Leben zurückhabe und schaue auf die Uhr. Sechs Uhr, genau die Zeit aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Ich schlendere zur Dusche und wasche mit dem warmen Wasser die Schrecken der Nacht von mir.
Ich bin froh, wieder mein altes Leben zu haben und an dem Ort zu sein, an dem ich mich schon immer befand. Das ist für mich der richtige Ort. Albträume sind etwas schreckliches. Besonders wenn sie so real sind, wie dieser. Umso mehr bin ich froh, nicht woanders zu leben. Mir geht es hier gut. Erleichtert und motiviert verlasse ich das Haus und mein Blick fällt gleich auf ein neues Plakat auf der gegenüberliegenden Strassenseite, welches mich für die kommenden Abstimmungen vorbereiten soll. ‚Ausländer raus!‘ stand darauf mit grossen Buchstaben und irgendwie habe ich das beklemmende Gefühl im Bauch, vielleicht trotzdem am falschen Ort zu sein.