Das Rennen

Wie jede Woche treffe ich mich mit meinem besten Freund aus meiner Jugendzeit zu unserem Jogging-Abend. Es ist kühl und es wird bereits dunkel. Wir beginnen dann gleich – ohne grosses Aufwärmen – unsere Strecke mit lockeren Schritten. ‚Ich habe eine saftige Lohnerhöhung bekommen.’, starte ich die Konversation. ‚So?’, erwidert er meine Aussage mit einem höhnischen Grinsen und erhöht das lockere Starttempo. ‚Ich habe heute erfahren, dass ich in einem halben Jahr die Filialleitung bekommen werde.’ Und fügte dann noch provokativ hinzu: ‚Hätte ich nicht gedacht, dass ich noch vor Dir einen solchen guten Posten erhalte.’ ,Das hätte er jetzt wirklich nicht noch anzumerken brauchen, nachdem er weiss, wie lange ich schon auf meine Beförderung warte.’, denke ich mir und lege verärgert mit dem Tempo zu. Aber auch er steigert seine Schrittfrequenz. ‚Immer muss er sich messen. Immer versucht er mich zu überbieten.’ Und lege einen weiteren Zahn zu. Doch schon nach kurzer Zeit – ich hatte bereits begonnen, mich an der Spitze wohlzufühlen – überholt er mich ein weiteres mal. ‚Nie kann er nachgeben. Immer muss er gewinnen!’ doch heute zeig ich ihm, wer der bessere ist!’ Meine Schritte werden länger und schneller und so die seinen. Schon lange habe ich keine Luft mehr zum Sprechen. Trotz der Kühle ist mir am ganzen Körper heiss und der Schweiss läuft nur so. ‚Ehrlich gesagt, hätte ich schon lange aufgegeben, doch ich kann ihn nicht gewinnen lassen. Ich darf ihn nicht gewinnen lassen! Nicht heute!’ Und steigere das Tempo trotz meiner Erschöpfung ein weiteres mal – und da plötzlich: Ein Stich im Herz, mir wird schwarz vor den Augen und kraftlos sinke ich zu Boden. ‚Wo ist er?’ Mit einem letzten Blick zurück sehe ich ihn ausgestreckt auf dem Boden liegen und denke mir erfreut: ‚Gewonnen!’ bevor auch mein Körper ganz zusammensackt.

 

 

 

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